10+1 Fragen mit Kathrin Ahäuser

10+1 Fragen ist eine Interviewreihe von BodyLeaks - Festival for Female Empowerment & Interconnection. Bei 10+1 Fragen werden interessante Persönlichkeiten vorgestellt, die sich mit festivalrelevanten Inhalten beschäftigen und zum Teil auch im Rahmen des Festivals 2021 einen Beitrag leisten werden. 

About Kathrin Ahäuser
Kathrin ist Filmemacherin und Fotojournalistin in Dortmund. Parallel zu
Pille Palle, ihrem Webprojekt über die Antibabypille, schreibt sie auf Instagram über die Pille, Verhütung und Aufklärung. 

Instagram:
https://www.instagram.com/pillepalle_info/
https://www.instagram.com/kathrin_ahaeuser/
Webseite:
www.pillepalle.info
www.kathrin-ahaeuser.de


Worum geht es bei Pille Palle?

In meinen elf Kurzfilmen geht es um die Pille. Es berichten darin Frauen, eine Frauenärztin und ein Frauenarzt, eine Sexualpädagogin, ein Arzneimittelexperte und ein Apotheker von ihren Erfahrungen mit dem Medikament, über Aufklärung sowie positive und negative Nebenwirkungen. Mein Projekt gibt zugleich einen Einblick in unser Gesundheitssystem und zeigt, welche Interessen aufeinander treffen.


Wie kamst du auf die Idee, 11 Kurzfilme über die Pille zu drehen?

Der Auslöser für dieses Projekt war unter anderem ein Artikel im Spiegel im Jahr 2015 über eine junge Frau, die durch die Einnahme der Pille Yasminelle eine lebensgefährliche Thrombose erlitt und ihren Kampf gegen einen Pharmahersteller. Zudem gab es einen anderen Moment, bei dem ich hellhörig wurde. Ein Gynäkologe sagte zu mir: ‚Sie müssen wissen, dass das Risiko unter der Minipille an einer Depression zu erkranken höher ist, als bei einer Mikropille/ Kombinierten Pille’. Diese mir unverständliche Aussage war eine weitere Antriebskraft für mich, zu recherchieren. Ich beschloss, wieder ein Webprojekt zu realisieren und Menschen von ihren Erfahrungen mit der Pille erzählen zu lassen.

Wie denkst du über die Pille?
Meine Haltung ist ein klares „Jein“ zur Pille.

Wie wirkt sich die Pille auf den Körper aus?

Das hormonelle Medikament kann sich in vielerlei Hinsicht auf den Körper und die Psyche auswirken, denn sie wird neben der Verhütung auch als therapeutisches Mittel zum Beispiel bei Akne, Haarausfall oder Endometriose eingesetzt (dafür gibt es spezielle Präparate). Die Pille kann negative und positive Nebenwirkungen haben. Nebenwirkungen können dabei den Körper und die Psyche betreffen.

Wie macht sich der Einfluß der Pharmaindustrie in gynäkologischen Praxen sichtbar?

Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Es kommt darauf an, ob eine Praxis Pharmareferent*innen empfängt und sich von diesen beeinflussen lässt oder nicht. 

Wie siehst du die Rolle von Männern beim Thema Verhütung?

Ich denke, Männer haben genauso wie Frauen ein großes Interesse an Wissen über Sexualität und Verhütung, doch sie werden nicht direkt adressiert, jedenfalls ist das mein Gefühl. Die Zielgruppe bleiben oft die Frauen.Unabhängig davon, wie viele Verhütungsmethoden es gibt, betrifft es doch immer zwei Personen. Sexualaufklärung muss alle betreffen, auch damit das Gefühl der alleinigen Verantwortung verschwindet, das viele Frauen haben. 


Welche Erkenntnisse haben dich bei deinen Recherchen zur Pille überrascht oder schockiert?

Ich habe sehr viele spannende Einblicke gewinnen dürfen, auch wurde altes Wissen wieder aufgefrischt: Etwa dass die Zulassung eines Medikaments nicht bedeutet, dass wir alles über das Medikament wissen. Ein Beispiel dafür: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat Ende 2018 einen Infobrief (Rote-Hand-Brief) über ein leicht erhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien bei Pillen mit dem Wirkstoff Dienogest//Ethinylestradiol herausgegeben. Zu diesen Pillen zählt etwa die viel verschriebene Pille Maxim, die zu diesem Zeitpunkt schon Jahre auf dem Markt war. Neue Arzneimittel sind nicht gleich verträglichere Arzneimittel. 

Was würdest du Frauen raten, wenn es um ihre Verhütung geht?

Auf jeden Fall rate ich, Beratung in Anspruch nehmen und sich auch mit dem/der Partner*in auseinandersetzen. Aufklärung ist keine Sache, die in fünf Minuten mit Hilfe von Suchmaschinen zu regeln ist. Im Internet ist es vor allem wichtig, einen Blick ins Impressum zu werfen. Bezüglich Social Media ist das schwieriger, denn es gibt dort keine Impressum-Pflicht. Deshalb sollte man darauf achten, ob Informationen mit „bezahlte Werbung“ oder „Anzeige“ gekennzeichnet sind und auf welche Quellen, sich der/die Verfasser*in bezieht, welche Expertise der-/diejenige hat.

Für „10 nach 8“ auf Zeit Online habe ich zum Influencermarketing einen Artikel geschrieben: https://www.zeit.de/kultur/2020-07/pharmamarketing-verhuetung-pharmaindustrie-influencerinnen-bloggerinnen-antibabypille-instagram


Welche Verhütungsmethoden würdest du der Pille vorziehen?

Keine natürlich. Jede*r muss selbst entscheiden, wie er/sie* verhütet. 

Welche Veränderungen wünscht du dir in Bezug auf die Verhütungsberatung in gynäkologischen Praxen?

Mehr Zeit für Aufklärung. Es ist natürlich verständlich, dass eine Ärztin/ ein Arzt nicht auf einmal alle existierenden Verhütungsmethoden vorstellen kann, plus Anamnese, plus Erklärungen zu Nebenwirkungen. Das ist ein Dilemma. Es müsste sich im Gesundheitswesen etwas ändern und bezahlte Aufklärungszeit geben. Außerdem wünsche ich mir, dass bundesbehördliche Empfehlungen wie die „Patientenkarte“ in Bezug auf das Thromboserisiko für kombinierte Verhütungspillen (die synthetisches Östrogen und Gestagen enthalten) ernst genommen und ausgehändigt werden.

Liebe Kathrin Ahäuser, vielen Dank für das Interview!

10+1 Fragen mit Clara Carolina

Clara Carolina hat sich vor einigen Jahren dazu entschlossen, eine ganzheitliche Lösung für ihre damaligen Menstruationsbeschwerden und unregelmäßigen Zyklen zu finden. Ihr Weg hat sie zu einer nachhaltigen Veränderung ihres Lebensstils und zu ihrer heutigen Begeisterung und Berufung zum Thema Menstruation und Zyklusachtsamkeit geführt.

Sie teilt ihre Tipps und Erfahrungen für ein ganzheitliches Wohlbefinden, angenehme Perioden und ein Leben im Einklang mit dem inneren Rhythmus über ihren Podcast „Menstruality“ und auf ihrem Instagram-Account @clara.carolinaa. In Kürze (Sommer/Herbst 2020) erscheint zudem ein von ihr illustrierter Zyklus-Guide mit wertvollen und anschaulichen Inspirationen für eine angenehme Periode und einen harmonischen Zyklus.

Instagram: https://www.instagram.com/clara.carolinaa/

Worum geht es bei deinem Podcast „Menstruality“?

Ich möchte mit dem Podcast „Menstruality“ den Themen rund um Menstruation, Fruchtbarkeit, Zyklusgesundheit und Weiblichkeit mehr Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit geben. Ich versuche meine Erfahrungen und dass, was ich gelernt habe und jeden Tag neu dazu lerne, anderen auf leichte und inspirierende Art zugänglich zu machen. Vor allem möchte ich bei anderen Zykluswesen das Interesse und die Neugier wecken, sich selbst auf den Weg zu machen und den eigenen Zyklus besser kennenzulernen und wertzuschätzen. Es geht viel um Aufklärung und Verbreitung von wichtigem Wissen, z.B. darüber wie Regelschmerzen überhaupt entstehen können und was Linderung verschaffen kann, welche extremen Auswirkungen die Pille hat oder wie man selbst für einen ausgeglichenen Hormonhaushalt sorgen kann. Darüber hinaus steckt für mich hinter dem Begriff „Menstruality“ noch sehr viel mehr. Eins meiner Lieblingsthemen ist die innere Einkehr und der Rückzug von der Außenwelt während der Menstruation und wie uns das neue Kraft geben kann und uns auf das besinnt, was uns wirklich wichtig ist im Leben.

Was bedeutet es zyklisch zu leben?

Zyklisch zu leben bedeutet für mich zu akzeptieren, dass wir nicht jeden Tag gleich „funktionieren“. Dass wir achtsam mit unserer Energie und unserer Aufmerksamkeit umgehen und durch Selbstbeobachtung die natürlichen Schwankungen innerhalb eines Zyklus verstehen und lernen, mit diesen umzugehen. Und sie viel mehr noch für unsere Träume und ein erfüllteres Leben gezielt nutzen. Wenn wir uns selbst besser kennen lernen, kann uns das dabei helfen, uns so anzunehmen wie wir sind, mit allen Stärken und vermeintlichen Schwächen. Wir wissen, wann wir Ruhe und Entspannung sowie einen Rückzug in die Innenwelt brauchen und wann es wiederum Zeit ist, sich aus der Komfortzone herauszuwagen und Neues auszuprobieren. Wir können dadurch besser herausfinden, welche Aktivitäten zu welchen Zeiten besonders viel Sinn machen und das in uns schlummernde Potenzial spielerisch und auf leichte Art entfalten.

Es bedeutet für mich auch, dass wir der linear ausgerichteten Welt um uns herum zeigen und für uns selbst erfahren, dass es viel schöner und erfüllender sein kann, wenn wir nach unserem eigenen Rhythmus tanzen und unser Leben nach unseren natürlichen Zyklen ausrichten. Für mich heißt das unter anderem, dass ich meinen Alltag und meinen Beruf immer mehr so gestalte, dass es mir möglich ist, in dieser Welt zyklisch zu leben. Das heißt, mein Leben auf meinen inneren Zyklus und auf die Zyklen der Natur immer mehr anzupassen.

Welche Erfahrungen hast du mit hormoneller Verhütung gemacht?

Auf Empfehlung meiner damaligen Frauenärztin und aufgrund fehlender Aufklärung und Selbstrecherche habe ich mit 18 Jahren angefangen mit dem NuvaRing zu verhüten. Der NuvaRing ist ein Silikonring, der in der Vagina sitzt und regelmäßig durch einen neuen Ring ausgetauscht wird. Die Konzentration der hormonähnlichen Stoffe, sind die der Pille sehr ähnlich, nur geringer dosiert, da sie direkt über die Schleimhäute aufgenommen werden. Diesen Ring habe ich für etwa 5 Jahre als Verhütungsmittel verwendet. In der Zeit wurden meine Krämpfe und Schmerzen während der Abbruchblutung (bei hormoneller Verhütung findet kein Eisprung und somit auch keine Menstruation statt) so schlimm, dass ich drei Tage lang mit der erlaubten Höchstdosis an Schmerztabletten im Bett lag – und immer noch an Schmerzen litt. Diese psychische und körperliche Belastung wollte ich irgendwann nicht mehr ertragen und habe nach einer Lösung gesucht. Von der Schulmedizin nicht ernst genommen, habe ich angefangen alles über den menstruellen Zyklus zu lesen und zu lernen, was mir in die Finger gekommen ist. Zunächst habe ich den NuvaRing abgesetzt – anfangs mit einigen Bedenken. In der Zwischenzeit habe ich vieles an meiner Einstellung zur Weiblichkeit, meine Ernährung und meinen Lebensstill verändert. Meine erste richtige Menstruation hatte ich dann 7 Monate nach dem Absetzen. So gut wie schmerzfrei. Außerdem habe ich mich vom Wesen her komplett anders gefühlt. Meine Lust war wieder da, meine ständigen Blasenentzündungen waren weg und auch meine Stimmung hat sich deutlich erhellt. Ich hab mich wieder nach mir gefühlt und mich nochmal von Grund auf neu entdeckt. Nach und nach hatte ich wieder eine viel bessere Verbindung zu meiner inneren Stimme, meiner Intuition. Meine Bewunderung und Wertschätzung für den Zyklus und die verschiedenen Prozesse werden seitdem immer tiefer. 

Was schätzt du an deinem Menstruationszyklus?

An meinem Menstruationszyklus schätze ich sehr viel. Wahrscheinlich vor allem, dass ich durch den Wechsel der Zyklusphasen mit den verschiedenen Aspekten in mir in Kontakt komme und diese als ein Teil von mir anzunehmen lerne und immer mehr als Bereicherung erkenne. Ich finde es super interessant, zu beobachten, wie sich im Laufe eines Zyklus meine Interessen, Vorlieben und Bedürfnisse verändern. Mal bin ich introvertiert und will mit der Außenwelt und dem Alltag nichts zu tun haben, lese spirituelle Bücher und bin viel für mich. Dann wiederum erlebe ich mich super kommunikativ, hilfsbereit und möchte das Leben und die Welt um mich herum mit allen Sinnen genießen. Dadurch bekomme ich die Möglichkeit, mich immer weiter zu entwickeln. 

Eine Phase, die ich besonders schätze und für mich persönlich als sehr heilig empfinde, ist die Menstruation, da ich mich zu dieser Zeit auf einer ganz tiefen Ebene erholen und reinigen kann und sich etwas in mir erneuert. Ich merke, was ich loslassen und was ich mehr in mein Leben einladen möchte. Wenn ich mich selbst mit einer menstruellen Auszeit beschenke, verändert das die ganze Erfahrung von Grund auf und ich gehe frisch gestärkt und mit einer klaren Vision in einen neuen Zyklus hinein. Für mich ist ein Rückzug während der Periode mit die wirkungsvollste, spirituelle Praxis.

Welche Zyklusphasen gibt es?

Es gibt verschiedene Herangehensweisen, den menstruellen Zyklus in verschiedene Phasen einzuteilen. Sie lassen sich durch die Veränderungen des Hormonhaushaltes erklären, die Auswirkungen auf Körper und Geist haben und damit auch auf unser Energielevel und Hungergefühl, unsere Lust und Gefühlswelt oder auch auf unseren Schlafbedarf und geistige Fähigkeiten, wie unsere Kreativität oder Konzentration. Ich mag sehr gern das Modell der inneren Jahreszeiten. Dementsprechend ist die Phase der Menstruation der innere Winter und steht für Ruhe und Rückzug. Wir ziehen uns von der Außenwelt zurück, der Körper regeneriert sich und wir schöpfen neue Kraft aus dem Innern. Es ist eine Zeit der tiefen Erholung, Besinnung und Meditation. Dem folgt der innere Frühling, die Follikelphase. Wir tauchen langsam wieder auf, im besten Falle erholt und gestärkt und setzen unsere neuen Ideen und Eingebungen spielerisch um. Im Körper steigen die Hormone wieder an und wir spüren neue Energie und Lust auf die Welt im Außen. Die Eierstöcke sind voll damit beschäftigt ein neues Ei heranreifen zu lassen und die Gebärmutter wird mit neuer Schleimhaut ausgestattet. Wenn der Follikel eine bestimmte Größe erreicht hat und die Konzentration des Hormons Östrogen sein Hoch erreicht, kommt es zum Eisprung. Dieser steht symbolisch für den inneren Sommer. Wir sind nun in unserer vollen Kraft, strotzen vor Energie und haben Lust und das nötige Selbstbewusstsein, uns der Welt zu zeigen. Wir spüren eventuell eine Verstärkung unserer extrovertierten Seite, sind gern unter Menschen und fühlen uns beflügelt, unseren Ideen und kreativen Projekte umzusetzen. Sobald der Eisprung vorüber ist, wird die übrig gebliebene Eihülle in eine Hormondrüse umgewandelt, den Gelbkörper. Dieser produziert nun das Hormon Progesteron, auch „Wohlfühlhormon“ genannt und leitet damit den inneren Herbst ein, eine Phase der Erntezeit und Reflektion. Wir ernten, was wir säen. Diese Phase kann für viele sehr herausfordernd sein, vor allem wenn der Hormonhaushalt nicht ausgeglichen ist und es an Erholung, Nährstoffen und somit auch an Progesteron mangelt und Östrogen im Verhältnis dazu nicht genügend abgebaut oder übermäßig produziert wird (eine Ursache für PMS). Gleichzeitig hält diese Phase viele Geschenke und wertvolle Erkenntnisse für uns bereit. Unsere Interessen, unsere Lust und unsere Aufmerksamkeit können sich nun stark verändern. Wir werden dünnhäutiger und sensibler für äußere Reize und innere Wahrnehmungen. Unser Auge fürs Detail ist geschärft und das können wir nutzen: wir haben Lust, Dinge zu vollenden, Ideen und Projekten den letzten Schliff zu geben, die Bude mal so richtig aufzuräumen oder den Kleiderschrank auszumisten. Wir merken nun stärker was uns stört und spüren eventuell auch eine stärkere Sehnsucht nach mehr Tiefe und Sinnhaftigkeit in unserem Leben. 

Kurz vor der Menstruation geht es in die prämenstruelle Phase, wir verlangsamen unser Tempo nun noch mehr und bereiten uns auf die besinnliche und nach innen gerichtete Zeit des inneren Winters vor. Die Hormonkonzentrationen nehmen stetig ab und die Außenwelt verliert ihren Reiz. Wenn eine bestimmte Schwelle erreicht ist, die Eizelle nicht befruchtet wurde und die Versorgung der Gebärmutterschleimhaut nicht mehr aufrechterhalten werden kann, werden unter anderem sogenannte Gewebshormone freigesetzt (Prostaglandine) und die Menstruation wird eingeleitet.

Wie nutzt du die Zyklusphasen im Alltag?

Zunächst einmal markiere ich mir die Zyklustage in meinen Terminkalender, so dass ich immer weiß in welcher Phase ich mich ungefähr befinde. Das gibt mir unter anderem die Möglichkeit, mir für die Phase der Menstruation zwei bis drei Tage komplett frei zu halten und so zu planen, dass ich alle wichtigen Aufgaben und Termine schon vorher erledigt habe. Außerdem nutze ich die Phasen für die Entwicklung und Verwirklichung von Ideen und Projekten, da ich durch Zyklusbeobachtung immer besser lerne, wann wo meine Stärken liegen und wie ich diese am besten einsetze. Das hilft mir müheloser und mit mehr Leichtigkeit meine Kreativität auszuleben. In den Tagen vor und während der Periode weiß ich zum Beispiel auch, dass ich stärker auf meine Bedürfnisse achten muss, mehr Ruhezeiten und Raum für Erholung einplane und häufiger mal Nein zu Dingen sage, die mich zu sehr erschöpfen könnten. Auch meine Ernährung und die Verwendung von Frauen*heilkräutern passe ich bis zu einem bestimmtem Grad an die Zyklusphasen an, um meinen Körper bei einem ausgeglichenen Hormonhaushalt zu unterstützen.

Gibt es bestimmte Dinge, die du während deiner Blutung beachtest?

Ich achte vor allem in den ersten drei Tagen darauf, dass ich so gut wie möglich keine Reize von außen bekomme und mich komplett in meine Innenwelt begebe. Ich ziehe mich in mein Bett zurück, vermeide Gespräche, lasse mein Handy auf Flugmodus und lenke mich auch sonst nicht mit anderen Dingen ab. Vielleicht lese ich mal in einem Buch von Eckhart Tolle oder ähnlichem, aber ansonsten begebe ich mich verstärkt in die Ruhe. Schlafen, schlummern, träumen. Ab und zu mal Gedanken und Ideen aufschreiben. Aufs Klo gehen und es frei bluten lassen. Langeweile hochkommen lassen. Aus dem Fenster schauen und Wolken beobachten. Kräutertee trinken. Meditieren und meinen Atem beobachten. Und ganz viel schlafen. Um die Durchblutung in meinem Unterleib zu fördern, mache ich sanfte Beckenübungen, lege mich auf eine Akkupressurmatte oder massiere meinen Bauch mit einem wohltuendem Öl. 

Was würdest du Zykluswesen raten, die mit der prämenstruellen Phase hadern?

Wenn wir uns die Wochen zuvor zu sehr verausgabt haben und zu oft über unsere Grenzen gegangen sind, werden wir nun von unserem Zyklus ausgebremst. Die unangenehmen Gefühle, die Gereiztheit und die Wut beispielsweise sind wichtige Zeiger und können oft auch ein Zeichen sein, dass sich etwas in unserem Leben verändern muss. Hinter solchen Symptomen liegt oft eine tiefe Erschöpfung, auf körperlicher und seelischer Ebene. Es ist wichtig, sich nun Zeit für sich zu nehmen und genau hinzuschauen. Was erschöpft mich? Wo geht zu viel meiner Energie hin? Welche Gewohnheiten tun mir wirklich gut und welche dienen mir nicht mehr? Wofür möchte ich mir mehr Zeit nehmen? Welche Gedanken ermutigen und beflügeln mich und welche wirken sich zerstörerisch auf mein Selbstwertgefühl aus? Wie spreche ich mit mir selbst?

In dieser Phase können wir verstärkt lernen Nein zu sagen. Für unsere Bedürfnisse und Wünsche einstehen und für unser Wohlbefinden Verantwortung übernehmen. Gesunde Grenzen ziehen und anderen klar machen, was wir brauchen und womit wir uns gut fühlen. Klar und direkt kommunizieren, was uns nicht passt. Hineinspüren, langsamer machen und sich auch innerlich schon auf die Zeit der Menstruation vorbereiten. Mehr in die Stille gehen, Verantwortungen abgeben so gut es geht. Öfter mal raus gehen in die Natur und frische Luft atmen, die Sonne genießen. Den Emotionen durch Tanz und Kreativität einen Ausdruck geben. Oder einfach mal ein Nickerchen machen. Und sich Erholung und Ruhephasen auch wirklich erlauben und merken, dass es ohne einfach nicht lange geht. Auf körperlicher Ebene helfen verschiedene Heilkräuter wie Frauenmantel, Schafgarbe, Mönchspfeffer, Melisse oder Ashwagandha (Pulverform) und auch bestimmte Supplemente. Mit die wichtigsten und wirkungsvollsten sind für mich Magnesium und Calcium. Eine erhöhte Aufnahme durch hochwertige Nahrungsergänzungsmittel (Mg-Malat, -Citrat oder als Komplex) kann da wahre Wunder bewirken. Ich nehme das zusammen mit Vitamin D3 und K2 unterstützend den ganzen Zyklus hindurch. Für die Produktion von ausreichend Progesteron sind zudem Vitamin C, B6, B12, E, D3 und Selen essentiell. Es kann auch sehr helfen, durch Zyklusbeobachtung und ein Zyklustagebuch die Ursachen für bestimmte Symptome ausfindig zu machen, Zusammenhänge zu verstehen und für sich persönlich herauszufinden, wie man sich selbst während des Zyklus besser unterstützen und nähren kann.

Hast du Empfehlungen für Zykluswesen, die an Regelschmerzen leiden?

Zunächst einmal hab ich die Erfahrung gemacht, dass Regelschmerzen und Krämpfe um einiges angenehmer werden und sich lösen, wenn ich mich bewusst entspanne, mich zurückziehe und langsam mache. Verantwortung abgebe und die Menschen um mich herum informiere und um Unterstützung bitte. Eine menstruelle Auszeit von zwei bis drei Tagen hilft mir sehr, aber auch schon eine Stunde am Tag oder die Intention 10% weniger zu machen und weniger von sich selbst zu erwarten, kann enorm erleichtern. Und das fühlt dann auch der Körper und die Muskulatur in der Gebärmutter kann sich entspannen. Ganz akut helfen mir außerdem: Heilkräutertees wie Himbeerblätter, Schafgarbe und Frauenmantel (3 Tassen pro Tag, 7-8 min. zugedeckt ziehen lassen, aus ökologischem Anbau), angenehme Periodenprodukte wie Stoffbinden und Menstruationspanties kombiniert mit dem Freien Bluten (seitdem ich keine Tampons oder Tasse mehr verwende, sind die Krämpfe stark zurückgegangen), tiefes Atmen in den Schoßraum, leichte Beckenübungen oder auch mich mit dem Unterleib und dem unteren Rücken auf eine Akkupressurmatte legen. Alles was die Durchblutung fördert und das Gewebe besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, lindert den Schmerz. Zudem nehme ich verstärkt während der Periode Nahrungsergänzungsmittel die schmerzlindernd und entkrampfend sind und eine entzündungshemmende Wirkung haben, wie Magnesium(als Citrat oder Malat, Mg-Oxid ist eher unvorteilhaft), Zink und Omega 3 Fettsäuren aus Algenöl. Das macht wirklich einen großen Unterschied, vor allem auch wenn man damit in den Tagen vor der Periode schon beginnt. Langfristig geht es darum, die Hormone wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die Ursache für die Schmerzen herauszufinden und entsprechend den Lebensstil anzupassen. Ich gebe dazu Tipps und Anregungen in meinem Zyklus-Guide, in meinem Podcast und auf Instagram. 

Was würdest du dir im gesellschaftlichen Umgang mit dem Menstruationszyklus und der Menstruation wünschen?

Ich wünsche mir mehr Aufklärung, vor allem an Schulen. Unterrichtseinheiten im Biologie-Unterricht wären toll, in denen der menstruelle Zyklus erklärt wird und den potenziell Menstruierenden, aber auch den anderen die Scham und auch die Unwissenheit genommen wird und durch Selbstsicherheit und Respekt ersetzt wird. Ich wünsche mir mehr Möglichkeiten zur menstruellen Auszeit und dass immer mehr erkannt wird, dass es deutlich sinnvoller und effektiver ist, im Einklang mit dem eigenen Energielevel tätig zu sein. Dass eine Pause und intensive Phase der Erholung während der Menstruation langfristig für mehr Energie sorgt und Menstruierende stärker mit ihrer eigenen Vision und ihren Herzenswünschen verbindet.

 Allgemein mehr Wertschätzung für den Prozess der Fruchtbarkeit, die natürlichen Zyklen und die Kraft des Femininen. Wie wäre es mit Festen zur Menarche (allererste Monatsblutung) und mehr Förderung öffentlicher Projekte und Veranstaltungen zu dem Thema? Ganz wichtig ist mir auch eine klare Veränderung im medizinischen Bereich. Beschwerden müssen ernster genommen werden, Regelschmerzen, unregelmäßige Zyklen oder das Ausbleiben der Periode dürfen nicht ignoriert und als harmlos abgetan werden. Wir müssen einen ganzheitlichen Ansatz zur Heilung finden, das Zyklische in uns beachten und die Ursachen erkennen.

Welches Buch würdest du interessierten Menschen gerne ans Herz legen und weshalb?

Das Buch „Wild Power – Dein Zyklus als Quelle weiblicher Kraft“ von Alexandra Pope und Sjanie Hugo Wurlitzer hat mich unglaublich darin bestärkt, mich selbstsicherer mit meinem Zyklus und meiner Weiblichkeit zu fühlen. Darin werden sehr schön und detailreich die Zusammenhänge der Psyche mit den einzelnen Phasen erklärt und es veranschaulicht den Zyklus als emotionalen und spirituellen Wegweiser. Es tut einfach gut, sich selbst endlich besser zu verstehen und annehmen zu lernen. 

Ein Buch, das mir sehr hilft, meinen Körper durch gezielte Ernährung und Bewegung im Alltag für ein hormonelles Gleichgewicht zu unterstützen, ist „Hormon Power“ von Marjolein Dubbers.

Und ein Buch, dass mir wirklich am Herzen liegt und dass ich jeden Menschen, vor allem die mit einer starken weiblichen Essenz, ans Herz legen möchte, ist „Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“ von Clarissa Pinkola Estés. Dieses Buch ist so kraftvoll, bestärkend und erkenntnisreich, dass ich es wahrscheinlich mein ganzes Leben lang immer mal wieder in die Hände nehme, um wieder bei mir selbst anzukommen, mich mit meiner Intuition zu verbinden und auch um meinen Mitmenschen daraus vorzulesen.

10+1 Fragen mit Anne Schmuck

10+1 Fragen ist eine Interviewreihe von BodyLeaks - Festival for Female Empowerment & Interconnection. Bei 10+1 Fragen werden interessante Persönlichkeiten vorgestellt, die sich mit festivalrelevanten Inhalten beschäftigen und zum Teil auch im Rahmen des Festivals 2021 einen Beitrag leisten werden. 

Anne Schmuck ist zertifizierte NFP-Beraterin und Zykluscoach in Darmstadt und im Rhein-Main-Gebiet. Seit 2010 arbeitet sie mit Frauen und Mädchen, die ihren Körper kennen und ihren Zyklus verstehen lernen möchten. Ihr Wissen und ihre Erfahrung gibt sie in Einführungskursen, Workshops und Beratungen an andere Frauen weiter und hilft ihnen dabei, natürlich und sicher verhüten zu lernen. Während ihrer Ausbildung zur NFP-Beraterin hat Anne Germanistik und Romanistik studiert. Seit ihrem Volontariat arbeitet sie außerdem als freiberufliche Lektorin und betreut Buchprojekte in ihrem Fachgebiet Frauengesundheit und Zykluswissen.

Webseite
www.hormonfrei-verhüten.de

Instagram
https://www.instagram.com/undtschuesshormone/


Wann hast du begonnen hormonfrei zu verhüten und was waren deine Beweggründe?

Ich habe im Herbst 2008 die Pille abgesetzt, weil ich mich immer unwohler damit gefühlt habe, sie zu nehmen. Rückblickend muss ich sagen, dass mir die meisten Nebenwirkungen, die ich unter der Pille hatte, erst nach dem Absetzten bewusst wurden – ich hatte also in erster Linie einfach ein schlechtes Bauchgefühl, was die Pille angeht. Oder besser gesagt ein gutes für meinen Körper, denn die Entscheidung, sie abzusetzen, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens ☺

Welche Bedeutung hat dein Menstruationszyklus für dich?

Ich finde meinen Zyklus toll! Ich verhüte jetzt seit fast 13 Jahren mit NFP und beobachte schon genauso lange meinen Zyklus. Trotzdem entdecke ich immer noch neue Zusammenhänge, was mich ungeheuer fasziniert. Ich glaube, dass das Wissen um die Vorgänge im eigenen Körper etwas wirklich Wertvolles ist, das dabei helfen kann, den Zyklus mit seinen unterschiedlichen Phasen anzunehmen und sich allgemein wohler in seiner Haut zu fühlen. Ich nehme inzwischen die Phasen in meinem Zyklus sehr bewusst wahr und versuche, ihre unterschiedlichen Qualitäten in meinen Alltag zu integrieren. Darüber hinaus ist mein Zyklus für mich ein tolles Instrument, durch das ich Rückschlüsse auf meine Gesundheit ziehen kann. Das kann man sich vorstellen wie ein Fenster, durch das ich in meinem Körper hineinblicken und entdecken kann, ob alles in Ordnung ist.

Wie können wir uns deine Arbeit als NFP-Beraterin vorstellen?

Ich bin seit 2011 ausgebildete Beraterin für NFP. Und ich kann mir keine schönere Arbeit vorstellen! Es ist mein absolutes Herzensthema, mein Wissen und meine Erfahrung weiterzugeben, um die Methode anderen Frauen zugänglich zu machen und sie als sichere, hormonfreie Alternative vorzustellen.

Dazu informiere und kläre ich über NFP auf, biete Infoveranstaltungen und Zyklusworkshops an, berate Frauen zu ihrer individuellen Situation, wenn sie sich unsicher sind, ob NFP zu ihnen passt, und helfe ihnen dabei, die Methode wirklich sicher anwenden zu lernen. In meinen Einführungskursen bringe ich Frauen und Paaren NFP von Grund auf bei. Dabei geht es einerseits natürlich darum, das Regelwerk zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass sie die Methode korrekt anwenden lernen. Das ist die Basis jedes Kurses und jeder Beratung, aber dahinter geht es oft einfach darum, Vertrauen und Sicherheit zu vermitteln. Ich bin Ansprechpartnerin für alle Fragen, die während der Lernphase auftauchen und unterstütze meine Klientinnen einfach nach Kräften dabei, sich wirklich rundum sicher und wohl mit NFP zu fühlen.

Wie funktioniert Verhütung nach NFP?

NFP ist eine natürliche Methode, die Frauen dabei hilft, selbst fruchtbare und unfruchtbare Phasen in ihrem Zyklus zu bestimmen. Wir können ja nur an ungefähr sechs Tagen im Zyklus überhaupt schwanger werden: nämlich am Tag des Eisprungs und ungefähr 5 Tage davor, weil Spermien im weiblichen Körper überleben und auf die Eizelle warten können. Während dieser fruchtbaren Phase verändern sich bestimmte Körperzeichen sehr deutlich, vor allem die Körpertemperatur, der Zervixschleim und der Gebärmutterhals. Wenn Frauen gelernt haben, diese Zeichen ihres Körpers wahrzunehmen und mit Hilfe des Regelwerks richtig zu deuten, können sie direkt an ihrem Körper ablesen, ob sie gerade fruchtbar sind oder nicht. Mit diesem Wissen können sie sowohl sicher und zuverlässig verhüten, oder aber die fruchtbaren Tage nutzen, um gezielt schwanger zu werden. 

Wie denkst du über die Pille?

Für mich persönlich war sie nicht die passende Methode, aber ich finde es auch falsch, sie pauschal zu verteufeln. Für Frauen, die gern hormonell verhüten möchten und die gut über die Konsequenzen aufgeklärt wurden, ist die Pille sicher eine legitime Alternative. Da liegt meiner Ansicht nach leider das Problem: Viel zu viele Ärzte verschreiben die Pille vollkommen unreflektiert, ohne Aufklärung über Risiken und ohne sichere Alternativen vorzuschlagen. Das führt dazu, dass wir es im Grunde als normal empfinden, dass Mädchen und Frauen die Pille nehmen – ein Medikament, dass die körpereigenen Hormone unterdrückt und einen künstlichen Scheinzyklus erwirkt, der im Grunde nichts anderes als Fremdsteuerung bedeutet. Das finde ich, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich erschreckend. 

Wie sicher ist NFP?

Tatsächlich und ohne Wenn und Aber: so sicher wie die Pille. Sogar sicherer, wenn man sich die Studien zur Gebrauchssicherheit beider Methoden anschaut.

Ab welchem Alter würdest du NFP empfehlen?

Ich finde NFP eine tolle Möglichkeit, den eigenen Körper und Zyklus kennen zu lernen. Ich wünsche mir deshalb von Herzen, dass jedes Mädchen schon in der Pubertät lernt, was eigentlich in ihrem Körper vor sich geht und wie stolz sie auf ihren Körper und ihr Frausein sein kann. Ich erlebe so häufig Frauen, die nach jahrelanger Einnahme ihre Pille absetzen und entsetzt feststellen, dass sie im Grunde keine Ahnung von ihrem Körper haben. Wie weitreichende Konsequenzen die Einnahme hormoneller Verhütung hat, wird ihnen oft erst nach dem Absetzen bewusst: Nicht selten unterdrückt die Pille zum Beispiel die Libido, sodass diese Frauen ihre Sexualität nie richtig entdecken konnten und es als normal empfinden, keine Lust auf Sex zu haben. Das kann massive Auswirkungen auf das eigene Körpergefühl und die Entwicklung eines gesunden Selbstwerts haben, gerade wenn Mädchen schon sehr früh damit angefangen haben, die Pille zu nehmen. 

NFP zum Kennenlernen des eigenen Körpers deshalb am besten so früh wie möglich! Ob die Methode dann auch zur Verhütung eingesetzt wird, kann und soll jedes Mädchen für sich entscheiden. Dafür spielen meiner Erfahrung nach die Persönlichkeit und die eigene Einstellung eine deutlich größere Rolle als das Alter.

Gibt es Menschen für die NFP nicht geeignet ist?

Ja, bestimmt. Keine Methode der Welt ist für alle Menschen gleichermaßen geeignet, denn letztlich ist Verhütung ja immer eine sehr individuelle Entscheidung, die jede Frau und jedes Paar für sich treffen muss. Es gibt aber keine allgemeinen Vorgaben, die man erfüllen müsste, um NFP sicher anwenden zu können. Darüber halten sich leider hartnäckig einige Vorurteile, wie zum Beispiel, dass immer zur gleichen Uhrzeit gemessen werden müsste oder der Zyklus regelmäßig sein müsste. Das gilt für die moderne, wissenschaftlich gestützte symptothermale Methode längst nicht mehr. Auf der anderen Seite bringt diese Form der Verhütung aber mit sich, dass die Frau sich sehr intensiv mit ihrem Körper und ihrem Zyklus beschäftigt. Lust und Neugier darauf, sich selbst zu entdecken, sind deshalb in meinen Augen wichtige Voraussetzungen.

Welche Vorteile hat natürliche Verhütung im Vergleich zu anderen Verhütungsmethoden?

Natürliche Verhütung hat keine Nebenwirkungen und bedeutet deshalb für viele Frauen eine gesündere Alternative. Daneben bringt NFP aber noch einen ganz anderen Vorteil mit sich: Durch die genaue Beobachtung des eigenen Körpers entwickeln Frauen ein sehr gutes, positives Körpergefühl und mit der Zeit auch ein großes Vertrauen in den eigenen Körper. Das empfinde ich bis heute als den größten Vorteil, den NFP mir geschenkt hat.

Was können Männer deiner Meinung nach tun, um sich beim Thema Verhütung aktiv einzubringen?

Verhütung geht beide Partner an, das sollte eigentlich selbstverständlich klar sein. Auch wenn ja die allermeisten Verhütungsmethoden letztlich von der Frau angewendet werden, ist es ein erster Schritt, sich als Paar bewusst mit der Frage nach der passenden Methode auseinander zu setzen und sich gemeinsam über Alternativen zu informieren. Das können natürlich auch Männer aktiv in die Hand nehmen und das Gespräch mit ihrer Partnerin suchen, vor allem dann, wenn sie das Gefühl haben, dass sie unter Nebenwirkungen leidet oder sich nicht wohl fühlt mit hormoneller Verhütung.

Bei Paaren, die sich für NFP entscheiden, beobachte ich in den letzten Jahren verstärkt, dass Männer es richtig spannend finden, mehr über den Zyklus ihrer Partnerin zu erfahren. Viele stellen dabei fasziniert fest, dass sie nach einiger Zeit selbst beobachten können, in welcher Zyklusphase sich ihre Frau gerade befindet – fernab aller Regeln, quasi nur durch bestimmte Verhaltensweisen, ihrer Libido, Stimmungslage oder weil sie ihre Frau um den Eisprung herum besonders attraktiv finden.

In meinen Kursen und Beratungen sind Männer deshalb herzlich willkommen – ich glaube, wenn Paare gemeinsam NFP lernen, ist ein großer Schritt hin zu einem partnerschaftlichen Umgang mit Verhütung gemacht. Der Mann kann zum Beispiel dabei helfen, die Zyklusaufzeichnungen auszuwerten oder sich um die Verhütung an den fruchtbaren Tagen kümmern. Davon profitieren letztlich beide Partner: Die Frau fühlt sich nicht alleine für das Thema Verhütung verantwortlich, und der Mann gewinnt ein besseres Verständnis für seine Partnerin. Das wirkt sich natürlich auch positiv auf die Beziehung aus. 

Was gefällt dir besonders an deiner Arbeit als NFP-Beraterin?

Frauen und Paare auf dem Weg zu mehr Selbstbestimmung zu unterstützen! Ich begleite und betreue „meine“ Frauen in meinen NFP Kursen sehr intensiv. Jede Frau und jedes Paar hat ihre ganz eigene Verhütungsgeschichte, und es ist immer wieder aufs Neue spannend und oft auch sehr berührend, Teil dieser Geschichte zu werden. Die Zeit nach Absetzen der Pille über die ersten Zyklen mit NFP ist für viele Frauen eine sehr emotionale Zeit, in der sie sich sehr intensiv mit sich selbst beschäftigen und sich oft zum ersten Mal in ihrem Leben mit ihrem Zyklus auseinandersetzen. Ich finde es einfach großartig, sie dabei zu unterstützen und miterleben zu dürfen, wie das Vertrauen in ihren Körper wächst und sie mehr und mehr selbst zur Expertin für ihren Zyklus werden.  

Liebe Anne Schmuck, vielen Dank für das Interview!

10+1 Fragen mit Melissa Holstein

10+1 Fragen ist eine Interviewreihe von BodyLeaks - Festival for Female Empowerment & Interconnection. Bei 10+1 Fragen werden interessante Persönlichkeiten vorgestellt, die sich mit festivalrelevanten Inhalten beschäftigen und zum Teil auch im Rahmen des Festivals 2021 einen Beitrag leisten werden. 

About Melissa Holstein
Bildhauerin aus Mannheim. Nach ihrem Studium der Germanistik und Politologie in Heidelberg und Leipzig war sie einige Jahre als freie Journalistin tätig. Im Anschluss studierte sie an der Bauhaus Universität Weimar Freie Kunst und gewann 2018 das renommierte Georg-Mustermann Stipendium. Für das BodyLeaks Festival 2021 hat die Künstlerin einen Workshop und eine Installation geplant.

Instagram
https://www.instagram.com/__p_o_w_e_r_p_l_a_n_t_s__/

Webseite
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Mit welchen Themen beschäftigst du dich in deiner Kunst?

«Meine Objekte und Installationen entstehen im Grenzbereich zwischen Material und Leben. Mich interessieren Pflanzen als bewusste, intelligente Wesen sowie Wertstoffe, deren zerstörerische Verschwendung aufhören muss. Wo Geist auf Materie trifft, entsteht für mich eine Sphäre des Lebendigen und da wird es spannend.»

Oft können wir uns unter den Berufen der anderen wenig vorstellen. Wie würdest du jemandem deine Arbeit als Bildhauerin beschreiben?

«Der Begriff „Bildhauerin“ kommt daher, dass ich primär dreidimensionale, räumliche Gegebenheiten erschaffe. Entsprechend muss ich in meiner Arbeit vor allem viel Material von A nach B bewegen. Oft arbeite ich mit Schere oder Säge – Werkzeugen der Zerstörung – bevor ich die Bestandteile eines Werks konstruktiv vereine. Grundlage meiner Arbeit sind jedoch geistige Tätigkeiten, wie Beobachten, Nachdenken oder Recherchieren. Dazu kommt Büroarbeit wie das Erstellen von Konzepten, Anträgen und Portfolios.»

Welches deiner Werke hat dich am meisten Zeit gekostet?

«Sehr zeitaufwändig war zum Beispiel das „SecondSoil_Weizenfeld“, Weizen, der auf Erde aus wiederverwendeten Kunststoffen wuchs. Es ist nicht einfach, an große Mengen sauberen und geschredderten Kunststoff zu kommen. Fördergelder und eine Kooperation mit dem Lehrstuhl „Biotechnologie in der Ressourcenwirtschaft“ an der Universität Weimar machten es möglich. Durch Kontakte der Ingenieure kam ich an eine Fabrik, die 24/7 Einwegplastikflaschen schreddert. Dort durften wir den Hauptbestandteil der Plastikerde, -PET-Flakes – säckeweise aus Big Packs schaufeln.»

Weshalb findest du Kunst wichtig?

«Kunst bewegt. Sie lenkt unsere Wahrnehmung in nicht alltägliche Bereiche und schärft das Bewusstsein. KünstlerInnen und Publikum lässt sie intensiver fühlen und nachdenken. Wir vergessen im Alltag oft zu staunen, zu protestieren oder zu träumen. Hier leistet Kunst wertvolle Dienste. Die Freiheit, die wir in der Kunst (er)leben ist wichtig, sowohl für das Individuum, als auch für das Kollektiv.»

Kannst du uns ein bisschen was über deinen Beitrag zum Festival verraten?

«Ausgangspunkt der geplanten Installation ist der Gedanke, im öffentlichen Raum einen intimen Rückzugsort für menstruierende Frauen zu schaffen. Dabei spielen Bäume eine wichtige Rolle. Wie weibliche Wesen, spenden sie Leben und Schutz, sind gleichzeitig kraftvoll und verletzlich. Außerdem werde ich mit Verhüllung arbeiten, denn sowohl der Rückzug, als auch die verborgene Kraft sind wichtige Aspekte eines bewussten Umgangs mit unserer zyklischen Natur – für die Bäume im Wechsel der Jahreszeiten ein treffliches Bild abgeben. Es handelt sich auch um eine Hommage an das das Werk von Christo und Jeanne-Claude – mögen sie eine himmlische Wiedervereinigung feiern!»

Welche Bedeutung hat dein Menstruationszyklus für dich?

«Dank meines Zyklus erlebe ich meine Existenz bewusst als integrativen Bestandteil des kosmischen Wandels. Mein Zyklus zeigt mir an, wann ich meine Energien primär nach innen oder außen fließen lasse. Durch die Menstruation erfahre ich monatlich einen kleinen Tod mit Wiedergeburt. Der konstante Wandel in mir ist eine Quelle des Bewusstseins und der Kraft. Mein Menstruationsritual gibt mir in unserer verwirrten und verwirrenden Zivilisation Beständigkeit und Halt.»

Gibt es ein Buch, das dich besonders beeinflusst hat? 

«Gerade lese ich zum dritten Mal die Autobiografie eines Yogi von Paramahansa Yogananda. Das Buch hat mich schon als junges Mädchen fasziniert. Dieser Erleuchtete hat einige Grundlagen meines Verständnisses des Lebens, vor allem in seinen geistigen Dimensionen, und deren grenzenlosen Möglichkeiten gesetzt. In dieser Gedankenwelt ist buchstäblich alles durchdrungen von lebendigem Geist. Wir können mit diesem Bewusstsein arbeiten und wahrlich Erstaunliches erreichen.»

Hast du eine*n Lieblingskünstler*in? 

«Ja, einige. Emotional fühle ich mich sehr mit Kiki Smith und geistig mit Joseph Beuys verbunden.Die Plastiken, Objekte und Grafiken von Kiki Smith vereinen für mich die Widersprüche des Seins und sprechen mir direkt in die Seele und zwar ohne Worte. Sie arbeitet viel mit ihren eigenen Händen und der visuelle Eindruck ihrer märchenhaft grausig schönen Kunst ist von großer Bedeutung. Beuys´ Werk hingegen steckt voller komplizierter Gedanken, deren Schönheit und Relevanz sich nur schwer ohne wortreiche Erklärungen erschließt. Er war ein Visionär, dessen Kunst weit in den ökologischen, sozialen und politischen Bereich hinein greift.»

Welche Frauen haben dich in deinem Leben besonders geprägt?

«Neben meiner Mutter, meine Lehrerinnen, die Germanistin, Ulla Fix und Bildhauerin, Liz Bachhuber. Nicht zu vergessen meine Freundinnen. Kate Weyerer begleitet mich schon mehr als 20 Jahre lang, unter anderem bis nach Indien, und hat mich mit der „Mondzeit“ vertraut gemacht. Seit der Wiege bin ich mit Sara Winkle verbunden. Sie lebt leider weit weg  von hier- in Kalifornien, wo sie überirdisch schöne Keramiken herstellt.»

Was tust du, um wieder neue Energie zu tanken?

«Kochen, essen, lesen. Mich mit Licht, Wasser, Erde und Pflanzen verbinden. Meditation, Yoga, Mondzeitritual.»

Welche Person des öffentlichen Lebens würdest du gerne einmal treffen und worüber würdest du dich gerne mit ihr unterhalten?

«Ich träume davon, Kiki Smith und Jonathan Safran Foer zu treffen, da kann ich mich nicht entscheiden, beide lassen mein Herz höher schlagen. Mit Kiki Smith würde ich gerne ein Bewerbungsgespräch führen, denn es wäre toll, mal für sie zu arbeiten und von ihr zu lernen. Mit Jonathan Safran Foer würde ich gerne über das so vielfältige Thema Ernährung, deren individuelle und gesellschaftliche Implikationen sprechen und zwar bei einem gemeinsam zubereiteten Essen mit anschließendem Nachtspaziergang.»

Liebe Melissa Holstein, vielen Dank für das Interview!