10+1 Fragen mit Kathrin Ahäuser

10+1 Fragen ist eine Interviewreihe von BodyLeaks - Festival for Female Empowerment & Interconnection. Bei 10+1 Fragen werden interessante Persönlichkeiten vorgestellt, die sich mit festivalrelevanten Inhalten beschäftigen und zum Teil auch im Rahmen des Festivals 2021 einen Beitrag leisten werden. 

About Kathrin Ahäuser
Kathrin ist Filmemacherin und Fotojournalistin in Dortmund. Parallel zu
Pille Palle, ihrem Webprojekt über die Antibabypille, schreibt sie auf Instagram über die Pille, Verhütung und Aufklärung. 

Instagram:
https://www.instagram.com/pillepalle_info/
https://www.instagram.com/kathrin_ahaeuser/
Webseite:
www.pillepalle.info
www.kathrin-ahaeuser.de


Worum geht es bei Pille Palle?

In meinen elf Kurzfilmen geht es um die Pille. Es berichten darin Frauen, eine Frauenärztin und ein Frauenarzt, eine Sexualpädagogin, ein Arzneimittelexperte und ein Apotheker von ihren Erfahrungen mit dem Medikament, über Aufklärung sowie positive und negative Nebenwirkungen. Mein Projekt gibt zugleich einen Einblick in unser Gesundheitssystem und zeigt, welche Interessen aufeinander treffen.


Wie kamst du auf die Idee, 11 Kurzfilme über die Pille zu drehen?

Der Auslöser für dieses Projekt war unter anderem ein Artikel im Spiegel im Jahr 2015 über eine junge Frau, die durch die Einnahme der Pille Yasminelle eine lebensgefährliche Thrombose erlitt und ihren Kampf gegen einen Pharmahersteller. Zudem gab es einen anderen Moment, bei dem ich hellhörig wurde. Ein Gynäkologe sagte zu mir: ‚Sie müssen wissen, dass das Risiko unter der Minipille an einer Depression zu erkranken höher ist, als bei einer Mikropille/ Kombinierten Pille’. Diese mir unverständliche Aussage war eine weitere Antriebskraft für mich, zu recherchieren. Ich beschloss, wieder ein Webprojekt zu realisieren und Menschen von ihren Erfahrungen mit der Pille erzählen zu lassen.

Wie denkst du über die Pille?
Meine Haltung ist ein klares „Jein“ zur Pille.

Wie wirkt sich die Pille auf den Körper aus?

Das hormonelle Medikament kann sich in vielerlei Hinsicht auf den Körper und die Psyche auswirken, denn sie wird neben der Verhütung auch als therapeutisches Mittel zum Beispiel bei Akne, Haarausfall oder Endometriose eingesetzt (dafür gibt es spezielle Präparate). Die Pille kann negative und positive Nebenwirkungen haben. Nebenwirkungen können dabei den Körper und die Psyche betreffen.

Wie macht sich der Einfluß der Pharmaindustrie in gynäkologischen Praxen sichtbar?

Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Es kommt darauf an, ob eine Praxis Pharmareferent*innen empfängt und sich von diesen beeinflussen lässt oder nicht. 

Wie siehst du die Rolle von Männern beim Thema Verhütung?

Ich denke, Männer haben genauso wie Frauen ein großes Interesse an Wissen über Sexualität und Verhütung, doch sie werden nicht direkt adressiert, jedenfalls ist das mein Gefühl. Die Zielgruppe bleiben oft die Frauen.Unabhängig davon, wie viele Verhütungsmethoden es gibt, betrifft es doch immer zwei Personen. Sexualaufklärung muss alle betreffen, auch damit das Gefühl der alleinigen Verantwortung verschwindet, das viele Frauen haben. 


Welche Erkenntnisse haben dich bei deinen Recherchen zur Pille überrascht oder schockiert?

Ich habe sehr viele spannende Einblicke gewinnen dürfen, auch wurde altes Wissen wieder aufgefrischt: Etwa dass die Zulassung eines Medikaments nicht bedeutet, dass wir alles über das Medikament wissen. Ein Beispiel dafür: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat Ende 2018 einen Infobrief (Rote-Hand-Brief) über ein leicht erhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien bei Pillen mit dem Wirkstoff Dienogest//Ethinylestradiol herausgegeben. Zu diesen Pillen zählt etwa die viel verschriebene Pille Maxim, die zu diesem Zeitpunkt schon Jahre auf dem Markt war. Neue Arzneimittel sind nicht gleich verträglichere Arzneimittel. 

Was würdest du Frauen raten, wenn es um ihre Verhütung geht?

Auf jeden Fall rate ich, Beratung in Anspruch nehmen und sich auch mit dem/der Partner*in auseinandersetzen. Aufklärung ist keine Sache, die in fünf Minuten mit Hilfe von Suchmaschinen zu regeln ist. Im Internet ist es vor allem wichtig, einen Blick ins Impressum zu werfen. Bezüglich Social Media ist das schwieriger, denn es gibt dort keine Impressum-Pflicht. Deshalb sollte man darauf achten, ob Informationen mit „bezahlte Werbung“ oder „Anzeige“ gekennzeichnet sind und auf welche Quellen, sich der/die Verfasser*in bezieht, welche Expertise der-/diejenige hat.

Für „10 nach 8“ auf Zeit Online habe ich zum Influencermarketing einen Artikel geschrieben: https://www.zeit.de/kultur/2020-07/pharmamarketing-verhuetung-pharmaindustrie-influencerinnen-bloggerinnen-antibabypille-instagram


Welche Verhütungsmethoden würdest du der Pille vorziehen?

Keine natürlich. Jede*r muss selbst entscheiden, wie er/sie* verhütet. 

Welche Veränderungen wünscht du dir in Bezug auf die Verhütungsberatung in gynäkologischen Praxen?

Mehr Zeit für Aufklärung. Es ist natürlich verständlich, dass eine Ärztin/ ein Arzt nicht auf einmal alle existierenden Verhütungsmethoden vorstellen kann, plus Anamnese, plus Erklärungen zu Nebenwirkungen. Das ist ein Dilemma. Es müsste sich im Gesundheitswesen etwas ändern und bezahlte Aufklärungszeit geben. Außerdem wünsche ich mir, dass bundesbehördliche Empfehlungen wie die „Patientenkarte“ in Bezug auf das Thromboserisiko für kombinierte Verhütungspillen (die synthetisches Östrogen und Gestagen enthalten) ernst genommen und ausgehändigt werden.

Liebe Kathrin Ahäuser, vielen Dank für das Interview!

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